Am Wochenende bekam ich durch einen glücklichen Umstand das neue Canon EF 35 1,4 L USM II in die Finger. Natürlich habe ich die Gelegenheit genutzt um ein paar Bilder damit zu schießen und es mit der momentanen Lieblingslinse in meiner Tasche, dem Sigma 35 1,4 DG HSM ‚Art‘, zu vergleichen. Sicherlich nicht hoch wissenschaftlich das Ganze, aber ich konnte Erkenntnisse daraus gewinnen und vielleicht hilft es ja auch dem einen oder anderen von euch.

Hier noch ein paar grundsätzliche Eckdaten der beiden Kontrahenten (Herstellerangaben):

Canon EF 35 1,4 L USM II Sigma 35 1,4 DG HSM ‚Art‘
Bildwinkel: 63° 63,4°
Anzahl Blendenlamellen: 9 9
Naheinstellgrenze: 0,28 Meter 0,3 Meter
Abbildungsmaßstab: 0,21 (1 : 4,8) 0,19 (1 : 5,2)
Filterdurchmesser: 72 mm 67 mm
Abmessungen: 80,4 x 105,5 mm 77 x 94 mm
Gewicht: 760 g 665 g
Staub-/Spritzwasserschutz: ja nein
UVP: 2049 € 999 €
Aktueller Straßenpreis: 1900 € 720 €

Das Canon Objektiv gehört der L Serie an und somit wird, genau wie beim Sigma, die passende Streulichtblende mitgeliefert. Zusätzlich liegt dem Canon ein kleiner Lederbeutel für die Aufbewahrung bei, beim Sigma gibt es eine gepolsterte Tasche dazu. Während man beim Sigma aufgrund des Designs und der Haptik deutlich den Eindruck von Metall gewinnt, hat es beim Canon eher den Anschein als würde die Außenhaut des Objektivs aus Kunststoff bestehen. Allerdings wirkt es deswegen definitiv nicht minderwertiger, sondern macht einen genauso erstklassigen Eindruck und fühlt sich beim Arbeiten in kalter Umgebung dadurch sogar etwas wärmer an. Die Handhabung und Bedienbarkeit ist bei beiden Objektiven ausgezeichnet, die Fokusringe laufen butterweich. Beim Sigma hat man einen minimal größeren Bildwinkel, was zur Folge hat, dass ein klein wenig mehr Motiv auf das Bild passt. Aber der Unterschied ist kaum merklich und zu vernachlässigen.

Das Sigma ‚Art‘ ist ein Stück kleiner und leichter als sein Pendant, was für mich aber eher eine untergeordnete Rolle spielt, da beide Objektive ins gleiche Fach meines Rucksacks passen. Gerade für Tourengeher oder Kletterer spielt aber ja jedes Gramm Gewichtseinsparung eine ‚tragende‘ Rolle und Platzmangel herrscht da sowieso immer im Rucksack. Es handelt sich zwar nur um knapp eine Tafel Schokolade, und ein paar Zentimeter in der Höhe, aber immerhin. Leichtgewichte sind allerdings beide nicht. Die Lichtstärke in Verbindung mit der Abbildungsleistung wird natürlich durch viel Glas erkauft. Man hat schon spürbar etwas in der Hand.

Meine durchgeführten AF-Tests haben keine signifikanten Unterschiede in der Geschwindigkeit oder der Treffsicherheit der beiden Kontrahenten ergeben. Völlig egal welches Objektiv ihr da nehmt, beide bewegen sich auf einem extrem hohen Niveau. Allerdings habe ich keine Versuche bei Extremsituationen wie Dunkelheit oder flackerndem Kunstlicht durchgeführt. Man hört teilweise ja regelrechte Gruselgeschichten von Sigma Objektiven und dem AF, aber die kann ich definitiv nicht bestätigen. Mein Exemplar arbeitet einwandfrei und wenn der AF mal danebenhaut, steht zu 99,9 % das Problem hinter der Kamera. Allerdings hatte das Canon Objektiv einen leichten Frontfokus an meinem Body, den ich aber über die interne Kamerakorrektur ausgleichen konnte.

Hier zeigt sich ein großer Vorteil des Sigmas wenn der AF nicht ganz passt: Sofern man denn das passende Dock sein eigen nennt, muss man neue Objektive nicht einschicken um sie justieren zu lassen, sondern kann das in Ruhe zuhause erledigen und eventuell sogar kleinere persönliche Anpassungen vornehmen. Ich habe mir z.B. den Fokus im Nahbereich etwas nach hinten verschoben. Das hat einfach den Grund, dass ich, bedingt durch durch Wimpern, Haare oder eine Brille, bei offenblendigen Portraits die Schärfeebene oftmals minimal vor den Augen hatte. Jetzt fokussiere ich zumeist auf die Augenbrauen, die bieten einen wunderbaren Kontrast und der Fokus sitzt dann wunderbar auf dem Auge.

Kommen wir aber zum wesentlichen, der Bildqualität: Die gezeigten Bilder entstanden mit meiner 5D Mark III bei ISO 100, mit identischem Weißabgleich im Av Modus. Die Kamera stand auf einem Stativ, ausgelöst wurde mittels Funk-Fernauslöser und die Fokussierung erfolgte mittels Konstrast-AF im LiveView Modus. Das hat einfach den Grund, dass dann der leichte Frontfokus des Canon keine Rolle spielt, die Bilder definitiv richtig fokussiert sind und ich keine Spiegelvorauslösung brauche um die Bilder scharf zu bekommen. Die Bilder durchliefen eine Standardentwicklung in Lightroom, ohne irgendwelche Presets oder die Veränderung irgendwelcher Einstellungen. Es fand auch keine Objektivkorrektur, Ausgabeschärfung oder ähnliches statt. Als Ziel habe ich mir eine alte Scheune ausgesucht. Die Unterschiede in der Helligkeit dürften der sich ständig wechselnden Beleuchtungssituation durch die starke Bewölkung geschuldet sein. Übrigens erkennt man an den Bildern auch den etwas größeren Bildwinkel des Sigmas. Nicht viel, aber doch bemerkbar.

Canon @1.4

Sigma @1.4

Sigma @1.4

Natürlich lassen die hier gezeigten Bilder aufgrund ihrer Komprimierung für das Web keine vernünftige Beurteilung zu. Was man aber sehr schön erkennen kann, ist die doch ausgeprägte Vignette die beide Objektive bei Offenblende produzieren. Das Canon schattet dabei minimal stärker ab. Diese lässt sich mittels der Objektivkorrektur in LR oder PS, aber bei beiden Herstellern leicht entfernen. Verzeichnung spielt bei den zwei Probanden eigentlich keine Rolle. Die Schärfeleistung im Mittelbereich und erweiterten Zentrum ist für eine 1,4er Offenblende bei beiden sehr gut. In den äußeren Randbereichen und den Ecken lässt sich allerdings ein minimaler Vorteil zugunsten des Canon ausmachen. Das Sigma ist hier eine Spur weicher. Richtig erkennen kann man das aber eigentlich auch nur in der 100% Ansicht.

Eine komplette Bildserie erspare ich euch an dieser Stelle und gebe euch lieber eine Zusammenfassung: Die Vignette ist bei beiden Objektive ab Blende 2,8 völlig verschwunden. Beide Objektive  werden brutal scharf über das gesamte Bild, ab Blende 4 habe ich sogar ein wenig das Gefühl, das Sigma legt noch einen Tick drauf und wird sogar in den Ecken noch einen Hauch schärfer als sein Gegner. Das 35mm Weitwinkel der ‚Art‘ Serie neigt dafür in extremen Lichtsituationen etwas schneller zu chromatischen Aberrationen, produzieren lassen sie die sich aber auch mit dem Konkurrenzprodukt. Unterschiede in der Farbwiedergabe sind minimal und spielen im Zeitalter der Entwicklung mittels Software eigentlich keine Rolle mehr.

Für mich wichtig und entscheidend bei einer Brennweite, die typischerweise in der Porträtfotografie verwendet wird, ist vor allem auch das Bokeh. Dazu habe ich etliche Testbilder bei sämtlichen Blendenstufen geschossen und verglichen, konnte aber keinen signifikanten Unterschied entdecken. Das Canon ist einen Tick weicher in den Übergängen und dem Schärfeverlauf, aber auch das ist wieder nur bei sehr starker Vergrößerung zu erkennen und spielt in der Ausbelichtung keine Rolle. Beide Objektive haben selbst bei unruhigerem Hintergrund durch Äste oder andere Gegenstände, ein sehr angenehmes, weiches und ‚cremiges‘ Bokeh.

FAZIT:
Für mich ist das Sigma 35 1,4 DG HSM ‚Art‘ eindeutiger Preis/Leistungs Sieger. Es ist kleiner, leichter und vor allem selbstständig justierbar. Wer das letzte Quäntchen Perfektion sucht, noch ein bisschen Weihnachtsgeld übrig hat, lieber Originalprodukte vom Kamerahersteller kauft oder Wert auf gesteigerte Aufmerksamkeit durch einen roten Ring legt, der ist beim Canon richtig aufgehoben. Ansonsten schenken sich die beiden Objektive meiner Meinung nach nichts. Die Abbildungsleistung und das Bokeh ist bei beiden Objektiven überragend und die minimalen Unterschiede sind nach der Entwicklung im fertigen Bild nicht sichtbar. Das Pixelpeepen und reinzoomen mit der Lupe, um in der 500% Ansicht einen Unterschied feststellen zu können, überlasse ich lieber anderen Leuten und freue mich über gelungene Bilder mit meinem Sigma.